Tag 6 (der unerwartete Abend):
Ich sitze also abends auf meinem Balkon und versuche die Fressalienversorgung für heute Abend sicherzustellen, als auf einmal eine Sirene losgeht.
Etwas besorgt begebe ich mich runter in die Lobby, wo mir gleich der Herr des Hauses über den Weg läuft und ich frage ihn, was das zu bedeuten hat und ob das nur eine Übung sei oder ein Ernstfall.
Er meint, eine Übung wäre es sicher nicht, davon wüsste er und wir laufen ins Freie.
Während er mir antwortet, fliegt ein Helikopter über unseren Kopf in Richtung Berge.

Nachdem er den Heli auch bemerkt hat, meint er: "Sicher ist da was auf einer der Hütten passiert oder irgendwo in den Bergen. Wir wissen sicher bald mehr und sobald ich was weiß, sag ich Bescheid."
Ich gehe also erst Mal wieder zurück auf meinen Balkon und recherchiere nach einem guten Restaurant, wo ich heute das letzte Abendessen meines Urlaubes einnehmen werde.
Und nachdem ich eine ganze Weile so da sitze, merke ich irgendwann, daß irgendwas komisch ist.
Was es ist, kann ich erst gar nicht sagen.
Ich glaube, es ist irgendwie ungewöhnlich ruhig.
Keine Autos zu hören, auch sonst seltsam ruhig.
Dann fällt mir auf einmal aus den Augenwinkeln ein Bulldozer auf, der vor unserer Hofeinfahrt auf der Straße fährt (unser Hotel liegt direkt an der Hauptstraße des Ortes, der Bulldozer und die Straße sind Luftlinie keine 100 Meter weit entfernt von mir).
Irgendwas ist komisch an der Art, wie er fährt.
Er fährt eigentlich nicht, er rast.
Und zwar immer vor und zurück.
Die Balkonbrüstung versperrt mir größtenteils die Sicht auf den Bulldozer und die Straße darunter, also erhebe ich mich, um zu sehen, was da vor sich geht und traue meinen Augen kaum ...

Die Hauptstraße ist nicht mehr zu vorhanden, es ist ein einziger Strom aus Wasser, Schlamm und Geröll, welches sich seinen Weg sucht.
Und der Bulldozer fährt wie bessesen hin und her, um offenbar Hindernisse möglichst schnell wegzureißen und zu retten, was zu retten ist.
Ich renne nach unten, um Alarm zu schlagen.
Unten angekommen, haben einige Hotelgäste und der Hausherr wohl ziemlich zeitgleich mitbekommen, was hier gerade passiert und rennen hinaus Richtung Straße.
Und dann geht alles ganz schnell: Der Hausherr sagt, wir sollen so schnell wie möglich die Autos aus der Tiefgarage in den Innenhof fahren.
Wir rasen im Eiltempo zu unseren Autos und fahren durch den allmählich zunehmenden Schlammstrom unsere Karren in den deutlich höher liegenden Innenhof.
Mittlerweile sind wohl alle alarmiert und der ganze Ort auf den Beinen.
Auf der Hauptstraße rasen unzählige Bulldozer und Bagger herum, darunter auch unser Hausherr, der besonderes couragiert zu Werke geht.
Es wimmelt auch bald von Feuerwehrautos überall, es werden Barrikaden errichtet und es wird versucht zu retten, was zu retten ist.
Man hilft gegenseitig Hand in Hand.
Überall emsiges Gewusel, unzählige Einsatzkräfte vor Ort, der ganze Ort von Blaulicht und Sirenen durchzogen und über uns kreisende Helis.
Es herrscht Ausnahmezustand.
Ich versuche, mir ein Bild von dem Geschehen zu verschaffen, um die gesamte Gefahrensituation besser einschätzen zu können.
Auf meinem Weg weiter hangaufwärts strömen Menschen kreuz und quer überall hin.
Vorgegebene Wege, die man vorher benutzt hat, scheinen nicht mehr weiter existent zu sein.
Man steigt über Zäune, durchquert Vorgärten und Grundstücke, so wie es halt grad geht.
Die Fußgängerzone ist auch geflutet, aber das Wasser dort ist zum Glück noch nicht hoch bis jetzt.

Die Schlammlawine konzentriert sich offenbar größtenteils auf die Hauptstraße, durch die sie wohl irgendwie kanalisiert wird, je weiter es nach unten geht.
Davor sucht sie sich ihren Weg und weiter hangaufwärts sieht man, wie sie teils dann schon höher und reißender wird und größere Felsbrocken/Geröll mitkommen.
Ein paar hundert Meter hangaufwärts von meinem Hotel entfernt wird so langsam, aber sicher eine Unterführung geflutet:

Viel weiter nach oben möchte ich nicht gehen und ich suche mir einen Weg zu meinem Hotel zurück.
Ich realisiere nach und nach, daß es - wenn es so bleibt - die ganz große lebensbedrohliche Situation hier unten bei uns wohl nicht eintreten wird und hoffe, daß es weiter oben keine Menschenopfer und/oder menschliche Tragödien zu beklagen gibt. Während des Rückweges sehe ich mich um und finde beim Umsehen diverse Spots und Plätze, wo man bei steigendem Pegel in Sicherheit wäre.
In direkter Lebensgefahr scheint auch keiner zu sein, Hilfe ist meist nicht gewollt, die Katastrophenschutzhelfer schicken uns stets zurück und wollen möglichst keine Zivilsten mit involvieren.
Also mache ich ein paar Aufnahmen dieses ganzen surreal wirkenden Spektakels, ohne dabei jemand im Weg zu stehen oder zu stören.






Was für ein Wahnsinn.
Später, als ich wieder zuhause in meiner Heimat bin, erfahre ich, daß wir wirklich ziemliches Glück hatten.
Für uns war es nicht lebensgefährlich, für die Menschen weiter oben am Berg teilweise schon.
Unser Hotel lag relativ weit unten am Hang, Richtung Ortsende.
Die Schlammlawine hat uns dort unten nur noch abgeschwächt erwischt, also wir haben quasi die milderen Ausläufer abbekommen.
Im Internet finde ich dann ein paar Tage später Berichte und Videos, die zeigen, wie schlimm es weiter oben im Ort gewesen war, wo die Schlammlawine wesentlich schlimmer gewütet und Autos sowie Bäume mitgerissen hat.
Häuser wurden verwüstet und die einzige Zufahrtsroute, über welche ich hergekommen bin auf der Anreise, war nicht mehr existent, denn die hatten dort offenbar ein ganz massives Problem: Dort ist die Muhre teilweise so extrem hereingebrochen, daß sie den Hang mitsamt der Passtraße teils einfach mitgerissen hat und die Straße somit teilweise komplett zerstört hat.
Also die Straße und der Hang waren stellenweise schlicht nicht mehr vorhanden.
Die Anfahrt von Richtung Bodensee war aufgrund dessen eine ganze Zeit lang nicht mehr möglich, da der parallel zur Hauptstraße verlaufende Tunnel kurz vor Sankt Anton auch gesperrt war aufgrund Bauarbeiten und es aus dieser Richtung keine anderen Zufahrtswege gibt.
Die Heimreise am nächsten Morgen gestaltete sich dann auch dementsprechend ziemlich schwierig und langwierig, die einzige Umleitung über das Hahntennjoch ist komplett dicht und ich hab dann letzten Endes mehrere Stunden gebraucht, bis ich dann am Samstag Mittag irgendwann wieder auf deutschem Boden war.
Was für ein krasser Urlaubsabschluß und ich bin echt froh, daß es unter'm Strich noch relativ glimpflich abgelaufen ist.
So wie es aussieht, gab es Gott sei Dank keine Todesopfer und überwiegend materiellen Schaden.
Großen Dank an dieser Stelle an die zahlreichen Rettungskräfte vor Ort, die sehr schnell reagiert sowie gut zusammen gearbeitet haben und vermutlich durch ihren beherzten Einsatz und ihr Engagement Schlimmeres verhindert haben.
Dieser Urlaub wird mir jedenfalls für immer in Erinnerung bleiben.