Hi,
ABS = Antiblockiersystem. Das schützt nicht vor einem Überschlag, sondern in erster Linie davor, dass die Räder beim Bremsen blockieren. Meine Yamaha MT-09 macht beim TÜV-Prüfer auf dem Hof auch einen Stoppie, ebenso bei sehr hartem Anbremsen vor Kurven. Beides passiert, ohne dass das ABS eingreifen muss. Das ist auch logisch und zeigt, dass das Vorderrad in dem Moment ausreichend Grip hat, obwohl fast die gesamte Last auf dem Vorderrad liegt.
Das ABS-Steuergerät wertet über die ABS-Ringe beziehungsweise Raddrehzahlsensoren die Drehzahlen der Räder aus und berechnet daraus unter anderem den Schlupf. Dabei geht es nicht einfach nur darum, ob das Vorderrad langsamer dreht als das Hinterrad, denn das ist beim Bremsen normal. Kritisch wird es erst, wenn ein Rad zu stark verzögert oder kurz vor dem Blockieren steht. Dann regelt das ABS den Bremsdruck über Magnetventile im Hydraulikblock. Dadurch entsteht das typische Pulsieren am Bremshebel und das Rad blockiert nicht vollständig, sondern bleibt rollfähig.
Sobald jedoch Schräglage dazukommt, kann man mit einem einfachen ABS trotzdem stürzen. Solche älteren Systeme kennen die Schräglage des Motorrads nicht und regeln nur anhand der Raddrehzahlen. In Kurven steht aber nur ein Teil des verfügbaren Grips zum Bremsen zur Verfügung, weil der Reifen gleichzeitig Seitenführungskräfte übertragen muss. Deshalb kann ein normales ABS dort zu grob oder zu spät reagieren.
Moderne Systeme mit Schräglagensensorik beziehungsweise IMU arbeiten deutlich komplexer. Sie messen zusätzlich Schräglage, Nickbewegung, Gierrate und Beschleunigungen des Motorrads. Dadurch kann das System den Bremsdruck viel genauer an die aktuelle Fahrsituation anpassen. Der maximal mögliche Bremsdruck ist dabei nie ein fixer Wert, sondern hängt ständig von Faktoren wie Asphalt, Reifen, Temperatur, Schräglage und verfügbarem Grip ab. Je mehr Grip vorhanden ist, desto mehr Bremskraft kann übertragen werden, ohne dass das Motorrad instabil wird oder wegrutscht.
Viele moderne Kurven-ABS-Systeme besitzen zusätzlich eine Hinterrad-Abhebeerkennung. Dadurch kann ein Stoppie teilweise reduziert oder verhindert werden, indem das System vorne früher Bremsdruck zurücknimmt.
Wenn du viel Bremsleistung übertragen willst, brauchst du viel Gewicht auf dem Vorderrad. Wenn du hastig die Bremse vorne zuziehst, ist sie noch nicht ein die gabel eingetaucht und das Rad blockiert schnell. Steigerst du den Bremsdruck, hat das Motorrad zeit einzufedern und es entsteht mehr Gewichtsverlagerung auf dem Vorderreifen. Dadurch regelt das ABS viel später oder gar nicht und du kannst eine gute Bremsung hinlegen. Setzt du dich nun aufrecht hin und rutschst nach vorne an den Tank, verlagert sich der Schwerpunkt nach oben und nach vorne, dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dein hinterrad sich anhebt.
Fakt ist, sobald das ABS regelt, wird der Bremsweg länger, wie als würdest du genau am Limit bremsen. Deswegen ist es eigentlich das Ziel nur so hart zu bremsen, dass es gerade so nicht regeln muss. Gute/ neue ABS Systeme regeln erst sehr spät und sehr fein, im Regen bei wenig Grip sollte es aber früher regeln.
Gruß