16.4. Andalusien Teil 1, die Sierras
Die Nacht war kalt, und die Zimmernachbarn auf beiden Seiten waren nicht zu überhören, darum Gehörschutz. Immerhin kann man dank Ausgangssperre von 23-5 Uhr auch in einem Stadthotel durchschlafen, weil nachts draußen Ruhe ist. Zum Frühstück gibt's die zweite Hälfte der Pizza von gestern und ein Mars.
Heute kommt der Teil der Reise, auf den ich mich am meisten freue. In Andalusien war ich schon 2x mit dem Motorrad, jeweils nach Malaga fliegen und ein paar Tage Motorrad mieten. Das erste Mal mit einer MT-09, da wusste ich, so eine brauche ich irgendwann auch mal privat
und das zweite Mal mit einer MT-07 Tracer. Die war mir aber deutlich zu klein. Heute ist endlich mal den ganzen Tag gutes Wetter angesagt und ich wage einen Tourstart ohne Regenjacke, da die Sonne schon im Badezimmerfenster deutlich wärmt.
Freundlicherweise hat sich das Headset von den drei Tropfen Regen gestern erholt und ich starte mit sehr guter Laune in den Tag. Die Laune steigt noch weiter als nach 15 km die erste Kurvenstrecke erreicht ist. Idealer Asphalt, tolle Landschaft, kühne Trassierung, null Verkehr, und wie immer in Spanien: keine Tempolimits! ![]()
Ich fahre von Ost nach West die Sierra Alhamilla entlang. Die Passknackerpunkte sind alle aufm dem Kamm. Zum zweiten Punkt Cerro de Monteagud gibt es drei Wege: "Vom Puerto de la Virgen führt auf direktem Weg eine anspruchsvolle Piste (SG4) hoch. Von Benizalón her führt eine neue Teerstraße herauf. Nur die letzten sechshundert Meter sind Kopfsteinpflaster. Von Norden kommt eine drei Kilometer lange Sandpiste (SG3), die etwa dreieinhalb Kilometer nördlich des Puerto de la Virgen von der A-1100 nach Süden abzweigt." Ich bin am Puerto de la Virgen. Der direkte Weg ist wirklich anspruchsvoll: Steil und voller Steine. Die Teerstraße kommt von Westen her und wäre ein gewaltiger Umweg. Also probiere ich es mit der Sandpiste. Da diese noch feucht vom Regen gestern ist, wird das nicht so leicht, aber sie ist nicht besonders steil. Trotzdem schalte ich die Traktionskontrolle der MT-09 aus, damit ich nicht irgendwo stecken bleibe. Außerdem schreiben die Journalisten immer, dass das nötig wäre. Der Weg ist ziemlich weich und hat sehr wenig kleine Steine, die den Grip verbessern würden. Es ist halt ein Nordhang, der bleibt länger nass.
Irgendwann ist es dann aber endlich geschafft, ich komme auf die Straße. Ich biege links ab und beschleunige - da lenkt mein Motorrad mehr nach links als ich wollte? hö? Und dann mehr nach rechts?? Und dann liege ich auch schon drunter. Ich habe nach 4 km nassem Sandweg ohne Sturz ganze 10 Meter Asphalt geschafft bis zum Sturz. Eine oberflächliche Analyse der Situation zeigt auf verdreckte Reifen plus abgeschaltete Traktionskontrolle. Dringlicher jedoch, ich klemme unter dem Motorrad mit dem Fuß fest, und die Soziusfußraste will sich in meinen Knöchel bohren. Blöd!
Tja, auf Hilfe warten kann ich hier lange. Ich komme zwar an die Hupe ran, aber es würde mich niemand hören. Immerhin, mit Bewegung am Lenker hebt sich das Motorrad leicht an, ich kann meinen Fuß befreien und aufstehen. Erst mal tief durchatmen. Und ein paar Schichten ausziehen, das dauert jetzt etwas, und es wird warm - wenn nicht von der Sonne, dann von der Peinlichkeit. Der rechte Fuß ist beleidigt und möchte nur sorgfältig belastet werden. Okay, das sei im gegönnt. Dann noch humpelnd das Gepäck vom Motorrad holen, den Seitenständer ausklappen und warten, ob nicht zufällig jemand kommt, der mir beim Aufheben helfen möchte. Vielleicht erst mal ein Knoppers essen und was trinken. Und mal gucken, ob der Fuß noch normal aussieht: Ja, tut er. Glück gehabt (und Schutzkleidung).
Tja, da kommt keiner - warum auch, bin ja am Ende der Welt hier. Also versuchen wir das mit dem Aufheben mal alleine. Vorher gut zu sehen, es laufen keine Flüssigkeiten aus, alle Hebel sind noch dran, und das Motorrad liegt ordentlich auf Griffschalen, Lenkerenden und den Sturzpads, die ich für diesen Zweck verbaut habe. Das Aufheben gelingt überraschend einfach, und das Motorrad steht sauber da. Die rechte Griffschale ist innen lose und nur noch außen fest. Die Griffschale ist zwar von SW-Motech (Gebrauchtkauf von karklausi
), die Halterung passte aber nicht an den konifizierten Lenker, daher ist hier noch die Halterung der vorherigen China-Griffschalen verbaut. Wie auch schon beim ähnlichen Sturz vor 2 Jahren in Italien lässt sich die Griffschale innen mit Kabelbindern am runterklappen hindern. Damit ist die Schutzfunktion gegen Stürze jetzt ziemlich hinfällig, also bitte nicht wiederholen. Okay, sonst sieht alles gut aus, also wieder einpacken, aufrödeln und weiterfahren. Weiterfahren nach einem Sturz fühlt sich anfangs immer super seltsam an, aber nach ein paar Kilometern geht's wieder. Nur die Fußbremse nicht so richtig. Einerseits ist der Fuß noch beleidigt. Andererseits ist der Bremshebel jetzt noch weiter nach oben verbogen. Den muss ich dringend mal tiefer stellen. Vielleicht kann ich mir bis dahin das Nutzen der Hinterradbremse bei jedem einzelnen Kurveneingang abgewöhnen.
Den restlichen Tag sammle ich Passknackerpunkte und genieße die Strecken. Bei den Pausen humple ich etwas, aber ich bin nicht funktional eingeschränkt und die Schmerzen sind auch ok. Bei der letzten Fußverletzung hat die Arzt "schmerzgerecht belasten" gesagt, und genau das tue ich. Die Tankstellenauswahl ist auf dieser Route sehr eingeschränkt. Da kommt nur etwa alle 100 km eine. Mit knapp 200 km Reichweite gehe ich auf Nummer sicher. Nebenbei kann ich auch mein Motorrad für 1 Euro grob waschen, nach all dem Regen gestern.
Eine weitere geplante Schotteretappe streiche ich. 30 km kürzer klingt gut, aber 10 km fragwürdiger Schotter statt 40 km feinster Pässespaß? Nein, danke: Wegen Pässespaß bin ich hier. Und es fährt sich hier genauso gut wie in meiner Erinnerung ![]()
Auffällig ist noch das normale Leben. Anscheinend ist Covid hier schon vorbei. Menschen sitzen in vollen Restaurants ohne Masken am Tisch und essen zusammen. Da kann ich nur staunen. Und mich drauf freuen, falls man das in Deutschland irgendwann mal hinbekommt.
Letzter Punkt des Tages ist die Sierra Nevada (Pico de Veleta). Der mit 2520 m höchste Pass Spaniens - oder eher höchster legal auf Asphalt anfahrbare Punkt Spaniens. Die Straße geht sogar noch weiter bis auf 3396 m, aber diese ist nicht öffentlich. Allerdings fahren heute zwei SUV-Prototypen mit Erlkönigfolie die Hauptstrecke rauf und runter, vielleicht dürfen die ganz hoch? Ansonsten ist am Ende der öffentlichen Strecke ein Skiort und recht viel Toursimusverkehr.
Ich überlege noch, ob ich hier übernachten will, denn die Auswahl ist groß, aber die Aussicht auf morgendliche Frost lässt mich wieder ins Tal fahren. Ich finde per Google eine sehr schöne Unterkunft und erwische gerade noch die Hausherrin, die gerade los wollte, und die sogar Englisch spricht! Neben dem Checkin erfahre ich, dass Covid PCR-Tests in Spanien nur von privaten Labors angeboten werden. ich brauche ja einen für Portugal. Einheimische dürfen weiterhin ihre Landkreise nicht verlassen, aber ausländische Touristen sehr wohl. Das soll mal jemand in Deutschland versuchen
Das Zimmer ist Klasse, hat einen Balkon, eine eigene Heizung, einen Fön, ist liebevoll eingerichtet und kostet nur 40 Euro. Das Bett ist sehr weich, aber sonst alles perfekt.
Der Fuß kriegt Voltaren, ich kriege 'ne Packung Schinken ausm Supermarkt. Mahlzeit! Hoffentlich passt morgen der Fuß wieder in den Stiefel und hoffentlich kriege ich einen PCR-Test. Morgen (Samstag) schaffe ich es vermutlich bis Ronda, dann könnte ich Sonntagabend nach dem letzten Pass schon nach Portugal rüber fahren.
Zielerreichung:
14,6% von 295 spanischen Passknackern geschafft
297 km Vorsprung vor Planung
Linker Fuß, linkes Knie, Hüfte und Kopf tun nicht weh