Mi 18.9. Westwärts, Drôme
Früh geht es raus aus dem Apartment. Wir müssen erstmalig unseren Müll selbst wegbringen. Dann wird zunächst mal Strecke gemacht, denn hier in der Region war ich ja schon dieses Jahr. Im Supermarkt in Barcelonette kaufen wir Frühstück und Getränke. Dann wird weiter die Bundesstraße vom letzten Urlaub gefahren, wobei wir eine Gruppe gar nicht so langsamer Holländer aufschnupfen.
An der Staumauer des Lac de Serre-Poncon geht’s rechts hoch, und dann wieder zu dieser 1a-Frühstückslocation (siehe auch anderen Reisebericht), wie für uns gemacht. Dort auch netter Schwatz mit deutschem Solo-Fahrer (trotz BMW GS).
Dann fahren wir weiter westwärts. Tagesbefehl: Alle Passknacker abgrasen, die ich in den letzten Frankreich-Urlauben liegenlassen habe. Und alle die am Weg liegen oder besonders schön sind, natürlich.
Außerdem fingere ich endlich mal den langen Inbus aus meinem Reisewerkzeug (unten im Tankrucksack), um den Topcaseträger rrrichtig festzuziehen, und nicht das kurze Ikea-Dings, das man mir kurz vor Abreise gereicht hat. Das Ergebnis nehme ich vorweg: Ich musste den ganzen Tag nicht mehr nachziehen. Dafür war das Tanken war wieder mal knapp, nach 40 km Reserve gehen 13,2 Liter in den 14 Liter-Tank. Es ist sehr dünn besiedelt hier und es sind auch wenig Touristen unterwegs.
Die Einheimischen haben aber reichlich Pass-Schildern aufgestellt, und das Passknacker-Team hat sie in seine Datenbank aufgenommen, also muss ich da jetzt „leider“ entlangfahren. Die Einheimischen danken es, und halten die Schilder heute extra für uns instand.
Mangels Höhenmetern ist es sehr warm heute. Daher wählen wir einen neuen Modus: Markus wartet nicht mehr wenn ich Fotos mache, sondern lässt sich die weitere Fahrtrichtung zeigen und rollt dann vor, um den Fahrtwind zu genießen. Wir sind ja beide mit Membran angezogen, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Manchmal sucht er sich auch ein schattiges Plätzchen oder fängt an, Grashalme zu knipsen. Auch wenn ich einen Abstecher fahre rastet er derweil gerne. So kann er sich erholen, und ich kann mich verausgaben. Mittags machen wir eine längere Pause in einem 10 Seelen-Dorf. Es fehlt an touristischer Infrastruktur, daher wählen wir einen Spielplatz. Dort gibt es Schatten, Schaukeln, Bank, Zweitbank, fließend Wasser, Mülleimer, reichlich Ruhe, und natürlich LTE.
Wir fahren jetzt zwar noch durch verhältnismäßig flaches Land, aber je mehr wir uns dem Vercours näher, desto felsiger wird es, und bald fahren wir durch Schluchten.
Dort habe ich ein Schreckmoment mit einem Wohnmobil von rechts, das eigentlich warten müsste, dessen Fahrer aber komplett von seiner A-Säule verdeckt ist. Die Beifahrerin kann ich sehen, aber sie dreht sich zur anderen Seite. Klarer Fall: Vollbremsung! Ich komme rechtzeitig zum Stehen, bzw. kann die Bremse wieder lösen, denn das Wohnmobil wartet dann doch, und Markus fährt nicht auf - also alles gut!
Wir machen die zweite lange Pause in einem richtigen Eiscafé in einem Dorfzentrum – das gehört ja auch zur Motorradtour. Dort gibt es selbstgemachtes Eis, das zwar 3 Euro pro Kugel kostet, was mich aber gerade nicht abschreckt. Außerdem gibt es eine echt fröhliche Mitinhaberin. Ist klar, die darf ja auch den ganzen Tag lecker Eis essen! Das kommt auf meine „Ideen für den vorgezogenen Ruhestand zwecks Geldwäsche“-Liste.
Die Schatten werden schon wieder länger und wir machen noch etwas Strecke. In Sichtweite des Vercours biegen wir von der Bundesstraße ab in ein verschlafenes Nest. Dort haben wir heute eine „Ferienwohnung“, die eher ein ganzes Haus ist. Es geht über zwei Etagen, wir haben zwei Schlafzimmer, eine große Wohnküche und ein riesiges Bad. Im Erdgeschoss ist alles recht rustikal, im 1. Stock aber topmodern. Die Türschlösser erinnern mich an die Vorkriegswohnung meiner Großeltern mit ihren Hebeln, Riegeln und 15 cm langen Schlüsseln. Leider müssen die Motorräder an der Dorfstraße stehen, aber hier kommt augenscheinlich niemand je vorbei. Die Unterkunft ist so abgelegen, dass das Handynetz erstmals schwächelt, aber das WLAN ist gut. Nach dem Hochladen der heutigen 22 Passknacker-Nachweise bin ich in der Rangliste auf Platz 4 aufgestiegen. Heute bin ich meinen 1000. Passknacker dieser Saison gefahren!
Da kein Restaurant in der Nähe ist, schlachten wir die Vorräte, was auch mal gemütlich ist – back to Basics. Im letzten gemeinsamen Urlaub haben wir noch mit Campingkram gekocht. Nach dem Abendessen bin ich nur noch Platz 6 der Passknacker-Rangliste, weil die anderen eben auch noch gefahren sind, oder zumindest ihre Nachweise hochladen.
Ich gehe noch spazieren. Der Nachthimmel ist hier am Ende der Welt natürlich nicht von schlechten Eltern. Im Dorf bellt mich ein sehr großer Hund an, der aus seiner Hütte auf mich zu rennen will, aber altersbedingt Mühe hat, aufzustehen. Man sollte ja allgemein nicht versuchen, Tieren mit vier Beinen davonzurennen, aber hier hätte es vielleicht funktioniert. Stehen bleiben erscheint mir trotzdem klüger. Der Hund bellt weiter, kommt im Halbkreis langsam auf mich zu, bellt immer unentschlossener, schnüffelt etwas an mir rum und beschließt dann, dass ich cool bin. So kann ich beruhigt ins Bett gehen.
Heute waren es 354 km, und die Route war arm an super-spektakulären Höhepunkten, aber man kam gut voran, hatte reichlich Kurven und die Welt so ziemlich für sich alleine.