So 28.6. Livigno - Österreich - München - Heim
Heute geht es nach Hause. Ziemlich krass, aus den Alpen einfach nach Hause fahren zu können bin ich als jetzt-wieder-Nürnberger mit NRW-Migrationshintergrund noch nicht gewohnt. Zunächst schön durch die Berge, dann zügig durch Österreich, und dann möglichst Autobahn durch Deutschland bis zum trauten Heim, mit einem Stopp fürs Abendessen in der Nähe von München.
Zwei Minipässe liegen direkt bei Edolo. Den ersten klemme ich mir aus Zeitgründen, aber über den Passo di Santa Cristina will ich rüber. Vorher schickt mich das Navi noch in einen steinigen Feldweg, weil da kein Tempolimit ist, im Gegensatz zur parallel verlaufenden SS39. Böses Navi!
Der Passo di Santa Cristina ist nichts Besonderes, aber eng, und aus irgendwelchen Gründen sind hier reichlich Autos unterwegs, so dass ich in Kolonne schleichen muss und wegen jedem Auto im Gegenverkehr angehalten wird. Das nervt.
Aber nur kurz, denn dann geht’s in die Schweiz und die Straße wird schön breit. Die Westseite des Berninapass habe ich mir am Hinweg gespart, nun hole ich ihn von der Ostseite her. Wunderschön.
Da drehe ich um, biege links ab nach Italien, genauer nach Livigno. Da ist es auch schön.
Außerdem schon erstaunlich voll, anscheinend läuft der Tourismus innerhalb Italiens wieder. Außerdem ist es ein sommerlicher, sonniger Sonntag, entsprechend sind auch Rad- und Motorradfahrer unterwegs. Ein paar Autos und Busse dazwischen, vielleicht ein Wohnmobil, und der ganz normale Alpenpasswahnsinn ist perfekt.
Ich tanke in Livigno für 90 Cent. Zum ersten Mal fahre ich zur Torre die Fraelle hoch, und lasse mich vom Parkscheinautomat verwirren. Die Nutzung ist Pflicht, aber vermutlich nur, wenn man auch wirklich parken will. Sei es drum, 5 Euro für einen guten Zweck. Die Aussicht ist durchaus beeindruckend, auch wenn man hier wirklich rücksichtsvoll fahren sollte. Wer Kehren mag, wird es hier lieben.
Richtung Norden geht es über die Stilfser Joch Südseite. Es ist viel Betrieb. Die Ampel am Tunnel ist zum Glück für mich grün, aber was sich da in der Gegenrichtung staut ist der Wahnsinn. Da stapeln sich bestimmt 100 Motorrad- und Rollerfahrer. Kirmes auf Rädern. Da spiele ich nicht mit und biege baldmöglichst nach links ab, wieder in die Schweiz rein, über den Umbrail. Da ist es weniger voll und es hat viele variable Kehren statt engstem Zickzack – und keine Wohnmobile.
Diese kleine Ecke Schweiz wird gleich wieder verlassen. In Italien geht’s nördlich zum Reschenpassen. Ich nehme mir vor, noch ein letztes Eis in Italien zu Essen und halte bei der vermutlich letzten Gastronomie – aber die haben kein Eis. Ist das überhaupt legal? Es war eher ein Dönerkeller. Na, dann muss ich wohl nochmal hin.
Österreich verwirrt mit Beschilderung, da steht mal eben auf 10 Zeilen Text am Rand der Bundesstraße (Tempo 100) welcher Pass gerade wo gesperrt sei und wo man stattdessen entlangfahren darf, und zwar mautfrei. Hilfe? Keine Ahnung? So lande ich irgendwo, wo ich eigentlich nicht hinwollte, bis das Navi mich wieder einfängt und ich den Weg nach Norden beruhigt weiterfahren kann.
Tirol liegt auf dem Weg, da kann man doch mal im Hahntenjoch und Namlostal vorbeischauen, wo es jetzt diese Sperrungen für Motorräder über 95 dB Standgeräusch gibt. Die will ich mal exklusiv für euch testen. Es ist Sonntag mit gemischter Wettervorhersage, aber gerade noch trocken. Für die Verhältnisse ist sehr wenig Motorradbetrieb.
Die östliche Zufahrt zum Hahntenjoch ist eine furchtbare Quälerei. Kilometerlang Tempo 30 im Ort. Kaum geht's aus dem Ort raus, steht da die Polizei und winkt mich raus. Ein Polizist geht hinter meinem Motorrad vorbei und sagt "Passt! Sie können weiterfahren." Vermutlich haben die schon genug Motorräder kontrolliert, dass sie eine MT-09 naked 2018 erkennen können - die ist nicht selten, hat aber einen selten hässlichen Kennzeichenträger, und 93 dB Standgeräusch. Die restliche Strecke ist durchgehend Tempo 60, unterbrochen von Tempo 30. Fahrspaß kommt nur auf ungefähr 3 km Wechselkurven und Serpentinen auf - ansonsten ist das eher was zum Landschaft gucken, die ist nämlich rein imposant.
Ansonsten macht diese Strecke wohl nur Spaß, wenn man recht heftig über dem Tempolimit fährt. Westlichen der Passhöhe ist es recht kurvig, aber auch übersichtlich, und man darf 100 fahren! Das macht Spaß. Am Ende des Hahntenjoch biege ich rechts ab, das Lechtal hoch. Bundesstraße, Ortsdurchfahrt, Durchschnitt. Man kommt voran. Rechts ab nach Namlos beginnt der Namlossattel, bekannt aus diversen Youtube- und Gaskrank-Videos. Schaafs Revier, könnte man sagen. Hier hat man Tempo 100 und flüssig zu fahrende Kurven, von denen aber viele kaum einsehbar sind. Das ist eigentlich nichts unglaublich besonders, eher eine typische Straße 2. Ordnung in den Alpen, aber halt eine mit wenig Ortsdurchfahrten.
Mir kommen insgesamt 30 Motorräder entgegen, davon drei, die ich auf den ersten Blick als über 93 dB erkenne (BMW S1000R). Ob die später raus gezogen wurden, weiß ich nicht. Geschwindigkeitskontrollen gab es keine. Es standen viele "Bitte leise fahren"-Schilder. Mir wurde 2x von Autos die Vorfahrt genommen, so dass ich deswegen bremsen musste, aber nicht so knapp, dass es gefährlich gewesen wäre - nur unhöflich (oder blind).
In Summe würde ich sagen, dass diese Strecken weder die Krönung des Straßenbaus noch des Fahrspaßes schlechthin sind. Ich war aber auch vorher 'ne Woche in Sardinien mit Zwischenübernachtung in den Dolomiten ![]()
Danach geht es auf dem schnellsten Weg nach Gilching, Freunde besuchen und gemütlich Abendessen. Leider gerate ich in 15 Minuten Starkregen, wo die Membran versagt, insbesondere die der Hose. So muss ich vor Ort noch schnell die Unterhose wechseln. Das Abendessen ist lecker und es tut gut, die Leute mal wieder zu sehen. Ich werde zur Übernachtung eingeladen, aber es sind nur 2 Stunden nach Hause, ich habe Lust auf mein eigenes Bett. So geht’s wieder auf die Autobahn, aber mit Fleece-Pulli – den hatte ich seit der Schweiz-Etappe nicht mehr an. Vielleicht nächstes Mal ein Schließfach an der italienischen Grenze auftreiben ![]()
Um 23 Uhr komme ich nach 640 km daheim an und die rechte Hand tut echt weh. Es ist aber echt praktisch, wie nah Nürnberg an den Alpen liegt, zumindest im Vergleich zu Essen vorher. Es wird aber Zeit für einen Tempomat. Leider verkauft Yamaha einem diese Softwarefunktion nicht, daher muss man dann wohl zu halbseidenen ECU-Flash-Diensten greifen, oder sich archaische Mechaniken an den Lenker nageln, die nicht nur unerlaubt sind, sondern auch noch offensichtlich.
War lang heute. Bin wieder daheim, danke fürs Mitkommen! Fazit folgt (irgendwann).