Sa 20.6. Cislago-Genua
6:30 aufstehen, 7:30 Abfahrt nach einem kleinen Frühstück mit meinen besten Resten von gestern. Ich bin in der Po-Ebene und es ist eitel Sonnenschein angesagt. Da wandern sämtliche wärmende oder wasserdichte Schichten und Überzieher in die Packrolle, außer die Membran-Innenjacke meiner Revit Sand-Jacke - und das auch nur, weil ich ein Naked Bike habe. Unter 20° wäre es sonst zu kalt.
Die Poebene will ich möglichst schnell überqueren, sogar mit Mautobahn. Das Wort habe ich mir gerade ausgedacht, für mautpflichtige Autobahnabschnitte, und ihr dürft es alle gern lizenzfrei verwenden
Wichtige Erkenntnis für mich: Beim pubertären Durchladen nach Mautstationen sollte man drauf achten, den Klapphelm VORHER zu schließen, sonst zieht’s arg an der Rübe auf dieser nackten Kanonenkugel.
Dann mache ich über die Passknackerpunkte im Hinterland von Genua her. Ich mache dort weiter, wo ich vor 2 Jahren aufgehört habe, weil erst ein Mitfahrer eine Reifenpanne hatte, und dann gab's auch noch ein Unwetter. So ist der Passo Penice mein erstes Zwischenziel. Ja, ich mag alberne Namen.
Die Landschaft ist nett anzusehen, die Straßen sind kurvig, aber der Straßenzustand ist schlecht. Ich gebe ja ungern den besserwisserischen Deutschen, aber in Deutschland würde man solche Straßen sperren. Oder gar nicht erst bauen. Schlaglöcher bis 3 Meter Durchmesser, meterlange Absackungen bis 15 cm, immer wieder Kies auf der Straße, und dazwischen wie zum Hohn einfach mal rauer und griffiger Belag. Jede Unkonzentriertheit wird bestraft. Notfalls auch mit dem Tod. Wach bleiben heißt die Devise. So wandert ein Pass um den anderen in den Köcher. Wir bewegen uns hier übrigens immerhin auf über 1300 Höhenmetern. Alle 5 Minuten sehe ich ein Auto und alle 30 Minuten ein Motorrad. Oft durch Wald, manchmal durch Bergdörfer. In den Tälern gibt es auch Bundesstraßen, aber die interessieren mich im Moment nicht.
Auf den Hauptstrecken ist der Belag anständig und teilweise sogar neu. Da tummeln sich dann plötzlich auch andere Motorradfahrer - logisch, ist ja ein sonniger Samstag heute. Gefahren wird recht viel neue Hardware, und natürlich gerne Ducati. Schilder sind dekorative Elemente, Fahrbahnmarkierungen gelten nur für die anderen, so wie man das aus Südeuropa halt kennt und vielleicht auch, mehr oder weniger heimlich, schätzt. Ich wundere mich derweil über eine niegelnagelneue Yamaha R1, samt Fahrer im Lederanzug, die sich an einer Baustellenampel vor mich stellt, danach drei Harleys überholt und dann aber sofort vom Gas geht, als hätte er 'ne A2-Drossel und nagelneue nicht angefahrene Reifen verbaut. Da freut man sich dann, 115 statt 64 PS dabei zu haben und geht einfach bei nächster Gelegenheit vorbei, um sich nicht noch mehr Kurven zuparken zu lassen. Leute gibt's.
Ich merke schnell, dass ich zu früh mit der Tour fertig werde. Da hilft auch kein Umweg über die einzigen beiden anderen Passknackerpunkte entlang der Route. Merke, bei der Routenplanung für Italien: Die Routenplaner gehen bei der Fahrzeit von fehlerhaften Tempolimits aus bzw. nicht von praktisch existierenden. So suche ich mir eine Waschbox per Google Maps und tippe die Adresse ins Navi als Wegpunkt. Einkehren zum Essen am Bikertreff, na klar: Panini und Coke Zero, außerdem Moppeds glotzen. Irgendwie hilft das alles nicht und ich frage einen daheim gebliebenen Freund (Wink!), ob er für mich Reisebüro spielen mag um mir die Zeit zu vertreiben: Er nennt mir einen Ortsnamen an einem See. Da fahre ich dann einfach mal hin, warum auch nicht? Ich komme zwar nicht bis zum See, und die Straße ist wegen Baustelle heute Sackgasse, dafür habe ich sie für mich alleine, und vor allem war da 'ne geöffnete Eisdiele mit beschatteten und teilweise besetztem Außenbereich in einer Ortschaft. Hatten wir eigentlich schon Eis essen in Italien? Ne, dann aber flott ran da! Lecker war's, und der Helm kriegt danach auch noch 'ne Wäsche - Durchblick, und so.
Nach Genua rein suche ich mir noch eine Waschbox und einen Supermarkt. Ich lasse an der Ampel einer KTM hinter mir den Vortritt und hänge mich mal dran. Dann zeigt das Navi rechts abbiegen an, ich biege elegant ab ohne den nachfolgenden Verkehr zu behindern, und wundere mich dann doch, warum mein Vorderrad dabei nicht mehr mitspielen möchte. Kurz danach habe ich wieder Grip und bin erfolgreich abgebogen. Der Blick zurück im Zorn erkennt einen dunklen Streifen, 40 cm breit, zwischen Haupt- und Nebenstraße. Ein anderer Straßenbelag reicht aus, dir den Tag zu versauen, selbst wenn du gerade nicht meinst, besonders böse unterwegs zu sein. Da war sie wieder, die Unkonzentriertheit. Sie ist eine schlechte Begleiterin. Die Waschbox ist nicht aufzufinden, und der Supermarkt ist ein DESPAR Express mit so wenig Auswahl, dass ich nur eine Packung Tuc finde. Immerhin, salzig, hilft bei Hitze. Volltanken geht auch noch mal, dann muss ich morgen früh in Sardinien nicht.
Dann geht's durch Genua zum Hafen. Da hänge ich mich wieder an offensichtlich ortskundige Rollerfahrer an, um niemanden mit einer auswärtigen Fahrweise zu irritieren. Das Navi findet den Weg und am Ende hilft auch die Beschilderung. Der Zoll möchte mein Ticket sehen, das ich daheim ausgedruckt habe. Eine andere Behörde möchte mein Ticket und die Coronoa-Selbstauskunft sehen, die ich daheim online abgegeben habe, und die ich als Beleg ausgedruckt habe. Alle sind zufrieden. Die Fährgesellschaft möchte mein Ticket sehen und gibt mir eine Bordkarte. Dann fährt man vor bis zur Fähre, Terminal 3, und wartet. Freundlicherweise ist schon ein anderer deutscher Motorradfahrer da, und ich habe wen zum Quatschen. Was es an Fährhäfen eher nicht gibt sind Schatten und WC, aber hier stehen einige LKW-Anhänger schon sehr lange seitlich dicht an der Warteschlange hinter einer Beton-Planke. Ideal für die kleine Abkühlung zwischendurch. Aus den Autos müssen alle außer den Fahrern aussteigen und zu Fuß auf die Fähre, damit per Laser auf Stirn Fieber gemessen werden kann. Bei den Motorradfahrern kann auch an der Handflächeninnenseite gemessen werden. Noch mal Bordkarte vorzeigen, und ab aufs Schiff - nach den Autos, aber dafür nah an der Ausfahrt. Das macht Hoffnung auf einen schnellen Start. Laut meiner Bekanntschaft mit Sardinien-Erfahrung hier ist die Fähre nicht mal zu 1/3 voll. Es sind insgesamt 4 Motorräder hier, er hat auch schon 800 Motorräder auf der Fähre gesehen (in der Pfingstwoche).
In der Fähre wird geparkt, ich nehme alles Gepäck mit, andere lassen einiges zurück oder gar den Helm am Spiegel baumeln. 3 Stockwerke weiter oben gibt es eine Art Check-In, wo man die Bordkarte zeigt und dafür Schlüsselkarten kriegt und einen Wink in den richtigen Flur. Meine Kabine ist schnell gefunden und ich bin echt froh, als ich alles drinnen habe und die Tür hinter mir schließe. Es ist angenehm klimatisiert, ich habe ein eigenes Bad mit Dusche und WC, und von drei 3 Liegen sind 2 hochgeklappt. Eine davon klappe ich wieder runter, damit ich eine geräumige Sitzgelegenheit habe. Alles nur für mich! Der Aufpreis hat sich aus meiner Sicht gelohnt: 120 Euro für eine 12,5-stündige Überfahrt mit Übernachtung. Eine Übernachtung in Italien würden eh schon 45 Euro kosten - da kann ich nicht meckern.
Nach der Dusche gucke ich mich etwas auf dem Schiff um und treffe meinen neuen Motorradkumpel wieder. Gemeinsam essen wir zu Abend Baguette und kaufen Wasser. Irgendwie ist meine Ernährung aktuell etwas brotlastig. 1 Liter Wasser kostet 3,80 Euro, da ist günstiger als im Flughafen, aber ich hätte doch vorher noch einen großen Supermarkt besuchen sollen. Dann genießen wir die Aussicht beim Ablegen des Schiffs, verschicken die letzten Nachrichten und schalten die Handies in den Flugmodus, denn Netz gibt's auf der Fähre nur für teuer Geld, denn die Roaming-Regulierung greift hier nicht. Miss Blahwas freut sich über Seflies, da müsst ihr jetzt also durch. Immerhin nicht ungeschützt.
Und dann geht auch schon das Licht aus.